XX und XY ungelöst

Nirgendwo verbringen Frauen und Männer so viel gemeinsame Zeit wie im Job. Aber können beide Geschlechter deswegen auch normal zusammenarbeiten?

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Die Ausgangslage, ganz kurz: Die Frau, der Bausatz mit den XX-Chromosomen. Der Mann, die Variante XY. Damit beginnt das Frausein der Frau und das Mannsein beim Mann. Der Unterschied macht eine Menge aus.

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Lassen sich Stereotype löschen?

Monika Hoyer sieht das Thema pragmatisch. Ihr Vorschlag zur Karriereförderung von Frauen: jeder Führungskraft für einen Frauenanteil von 50 Prozent einen Porsche zum Jahresende zu versprechen. “Was glauben Sie, wie viele von denen im nächsten Jahr keinen Porsche fahren?” Die Idee begleitet freilich ein Augenzwinkern, bringt aber ihre Überzeugung auf den Punkt: “Strategische Ziele müssen mit limbischen Anreizen verknüpft werden.” Das funktioniere bei Mann und Frau gleichermaßen.

Die Hamburgerin betreibt eine kleine Coaching-Firma. Sie empfängt in einem idyllischen Haus in Poppenbüttel. Die Räume sind in helle Farben getaucht. Brötchen, Kaffee und ein großer Flipchart stehen bereit. Monika Hoyer ist vorbereitet.

Bevor wir über das Antriggern des mesolimbischen Systems sprechen, zunächst Grundsätzliches zum Thema Unternehmensführung: Der Flipchart zeigt Kästchen, Pfeile, Stichworte, Zettelchen. Dazu die vier Ebenen der Persönlichkeit und das mesolimbische System. Monika Hoyer arbeitete viele Jahre für die Unternehmensberatung The Boston Consulting Group und die Allianz, ihr Thema: wertorientierte Unternehmenssteuerung. Sie kann Planziele eines multinationalen Konzerns auf einzelne Verantwortungsbereiche herunterbrechen, um sie messbar – und damit überhaupt steuerbar zu machen. Dabei entwickelt man eine gewisse Akribie.

Die Beschäftigung mit Unternehmenszielen führte bei ihr überdies zur ernüchternden Erkenntnis, dass es nicht selten an Steuerung fehlt und das Management das strategische Unternehmensziel völlig aus dem Auge verliert. “Die Lücke, die durch das Versagen der Steuerung entsteht, wird schnell mit Revier- und Machtkämpfen der Männer gefüllt”, berichtet Hoyer. Das geschehe immer auf Kosten des Eigenkapitals – und der Belegschaft.

Sie beobachtet einen Mangel an guten Führungskräften, solchen, die auch als Vorbild wirken. Gerade die ältere Manager-Generation pflege einen überholten Stil, erzeuge Angst und missbrauche die Macht. Das mache die Mitarbeiter krank, besonders die leistungswilligen Frauen. Und jene Männer, die ebenfalls keine Lust auf Revierkämpfe verspüren, die mit Angst und Druck nicht umgehen mögen und können. Die scheitern, Burnout-Diagnosen kriegen oder sich selbstständig machen.

Liegt es am Ende gar nicht an den Typen, sondern einem bestimmten Typus? Man solle jedenfalls nicht annehmen, dass mit mehr Frauen in der Führung alles viel netter würde, sagt Monika Hoyer. “Frauen sind nett, weil sie bislang Positionen besetzen, auf denen sie noch nett sein können.” Es gebe nicht minder knallharte Frauen wie Männer, nur müssen die wenigsten Frauen das heute schon ausleben. Von ihnen gehe für niemanden Gefahr aus. Den Führungsstil bestimme weniger das Geschlecht als Position und Prägung.

Sie selbst entspricht zunächst dem Klischee einer Karrierefrau. Schneller Aufstieg, dann ein Kind – und plötzlich ging es nicht weiter. Als Mutter fühlte sie sich nicht mehr frei in ihren Entscheidungen. Ein Gefühl, als ob ein Programm in ihr ablaufe. Der Plan, Kind und Karriere unter einen Hut zu bekommen, scheiterte an Widerständen. Inneren und äußeren, etwa dem schlechten Gewissen in den Momenten, wenn sie die Arbeit dem Kind vorzog. Oder dem Vorgesetzten, der sie fortan nur mit stupiden Tätigkeiten betraute. Und dann diese Bemerkung: “Jetzt, wo Sie Mutter sind, sollten Sie sich lieber um Ihren Sohn kümmern.” Das sei jetzt wichtiger. Hoyer nennt diese Worte “einen Faustschlag ins Gesicht”. Deshalb wechselte sie in die Selbstständigkeit, weg von den äußeren Grenzen, die die Männerwelt zog.

Mit der Akribie, die sie früher für das Herunterbrechen von Unternehmenszielen aufbrachte, widmete sie sich nun den Vorgängen im Gehirn. Sie wollte verstehen, was da für ein Programm in ihrem und dem Kopf ihres Vorgesetzten ablief. Befasste sich mit Prägung und dem limbischen System und stieß auch dort an Grenzen, etwa weil Ärzte nicht verstanden, was sie als Wirtschaftswissenschaftlerin in ihrem Fachgebiet zu suchen hatte.

Was sie in diesem Selbststudium zutage förderte, war, dass die Grenzen nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch innerhalb der Individuen verlaufen. Weil sie selbst auch das Frauenbild in sich trage, das Mutter und Großmutter ihr vorlebten. “Diese überlieferten und tief verankerten Rollenbilder haben einen Einfluss im Unterbewusstsein und wirken sich auf das Verhalten aus”, sagt Monika Hoyer. Es gehe daher auch darum, Schuld ein wenig zu verteilen: Nicht nur die anderen spielen eine Rolle, auch das eigene Programm im Kopf.

Dieser unbewussten Prägung versucht Hoyer mit ideomotorischen Tests auf die Spur zu kommen. Eine Art kinesiologisches Fingerhakeln, das über unkontrollierbare Muskelkraftreflexe zwischen Daumen und Zeigefinger Zugang zum Unbewussten erlauben soll. Hoyer fragt Stichworte wie Geld oder Anerkennung ab, über die Muskelreaktion des Probanden schließt sie, ob dieses Thema unbewusst abweichend vom tatsächlichen Verhalten geprägt ist. Dann wird dies tiefenpsychologisch aufgearbeitet. Wissenschaftlich ist diese Praxis umstritten, der Wirksamkeitsnachweis gilt bislang als nicht erbracht.

Aber wie will man gegen jene Klischees angehen, wonach Männer auffällig oft ein Problem haben, Geschlechtsgenossen zu vertrauen, und Frauen beim Verhandeln von Gehalt und Titeln Unbehagen verspüren? “Könnten wir alle Stereotypen in unseren Köpfen löschen, wären Frau und Mann gar nicht mehr so verschieden”, sagt Hoyer. Dass dies so schnell geschehen wird, glaubt sie nicht. “Unsere gesellschaftliche Prägung aktualisiert sich nicht von allein, das ist eine Lebensaufgabe.”
Die Programme in unseren Köpfen werden uns die nächsten Jahre erst einmal weiter begleiten.

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Weiterlesen bei Brandeins, oder als Download der Printausgabe, die mir Brandeins freundlicherweise für meine Leser zur Verfügung gestellt hat.

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Printausgabe erschienen in Brandeins Wirtschaftsmagazin, Heft 3, März 2013; Text von Dirk Böttcher im Interview mit Monika M. Hoyer
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